Wie gefährlich ist das A/H1N1-Virus?

Zum Beginn des Jahres versetzte ein neues Grippevirus die Menschen in der ganzen Welt in Angst und Schrecken. Der Virus-Subtyp wurde Mitte April 2009 bei zwei Patienten gefunden, die Ende März unabhängig voneinander in den Vereinigten Staaten erkrankt waren. Eine weitere Suche zeigte zunächst eine Häufung solcher Krankheitsfälle in Mexiko und Hinweise auf eine Verschleppung der Viren über die Landesgrenzen.
Ende April 2009 warnte die Weltgesundheitsorganisation vor einer weltweiten Verbreitung (Pandemie). Anfang Juni 2009 wurde die Warnung auf die höchste Alarmstufe hochgestuft. Die WHO verkündete jedoch bereits Mitte Mai, dass die Kriterien angesichts der geringen Pathogenität des H1N1-Virus überarbeitet werden sollten. Die enorme Aufmerksamkeit und der Umfang der getroffenen Maßnahmen liegt darin begründet, dass ein anderer H1N1-Subtyp die Influenza-Pandemie 1919/20 („Spanische Grippe“) mit vielen Todesopfern verursacht hatte. Allerdings sind H1N1-Subtypen regelmäßig an saisonalen (üblichen jährlichen) Grippewellen beteiligt.

Dr. Christian Huber aus Roses beantwortet unseren Kollegen von ARENA die wichtigsten Fragen zu der möglicherweise tödlichen Krankheit.

Ausschnitte aus dem Interview:

FRAGE:  Was genau ist denn nun die Schweinegrippe? Welche Besonderheiten hat das neue Virus?
Dr. Huber: Die sogenannte “Schweinegrippe” ist eine Pandemie, also eine weltweit sich ausbreitende Infektionskrankheit, die alle Altersschichten betrifft, genau wie andere Grippewellen auch, die rund um den Globus gehen. Das besondere ist die Virus-Typisierung, also das sog. H1N1. Die Besonderheit liegt darin, dass dieser Typ, der übrigens schon Jahrzehnte bekannt ist, ursprünglich sein Reservoir in Wasservogel - und Schweinepopulation hat (daher auch der Name porzine = vom Schwein stammend) und bisher nicht als auf den Menschen übertragbar galt, oder und das ist speziell das Neue, nicht von Mensch zu Mensch. Die wurde möglich durch die sog. Reassortanten, dies sind Veränderungen in der Oberflächenstruktur des Virus, wonach nun auch die Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgen kann.
FRAGE:  H1N1 - was heißt das?
Dr. Huber: “H” steht für Hämagglutinin und “N” für Neuraminidase. Man kennt bis heute 16 verschiedene Hämagglutinin-  und 9 verschiedene Neurami- nidase-Unterarten, wonach die jeweiligen Viren klassifiziert werden, d.h. je nach Oberflächenstruktur benannt werden. Dies ermöglicht also, je nach diesen speziellen ‘Ausstülpungen’ an der Oberfläche, die Viren voneinander zu unterscheiden. Alle Influenza A-Viren werden so eingeteilt, also auch die ‘normalen’ Grippeviren, die “1” steht also nicht für besondere Gefährlichkeit.

FRAGE:  Wie verbreitet sich die Schweinegrippe?
Dr. Huber: Von Mensch zu Mensch wird der Erreger wie eine gewöhnliche Grippe weitergegeben – also über Tröpfchen beim Niesen und Husten, Schmieren oder über Hautkontakt.

FRAGE:  Welche Symptome treten auf?
Dr. Huber: Die Symptome sind vergleichbar mit einer normalen saisonalen Grippe: Fieber, Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Husten. Einige Patienten haben auch von Schnupfen, Halsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall berichtet. Lebensbedrohlich ist vor allem die Lungenentzündung, die die Krankheit auslöst. Eine Besonderheit ist, dass einen die Schweinegrippe überkommt wie ein Anfall, also sehr schnell. Innerhalb von einem Tag sind die oben beschriebenen Anzeichen da.

FRAGE:  Wie kann man sich schützen?
Dr. Huber: Auf jeden Fall sollte man Wert auf Hygiene legen. Regelmässiges Händewaschen ist empfehlenswert oder man kann eine spezielle Desinfektionspaste benutzen, die mittlerweile überall erhältlich ist. Ansonsten sind Orte grosser Menschenansammlungen mit Risiko verbunden und wer sicher gehen will, sollte derartige Stellen tunlichst meiden. Abstand zu anderen Menschen wahren ist ein gutes Mittel. Atemschutzmasken sind unnötig, da das Virus auch über die Haut oder die Augen übertragbar ist. 

FRAGE:  Etliche Menschen haben sich in Lloret de Mar angesteckt. Warum gerade dort?
Dr. Huber: Lloret de Mar ist speziell. Viele junge Leute kommen zum Partymachen dorthin – und diese Gruppe ist besonders anfällig - es gibt aussergewöhnlich viele Kontakte und der Ort ist somit geradezu prädestiniert für eine eventuelle Ansteckung.

FRAGE: Ab wann kann man sich impfen lassen?
Dr. Huber: Voraussichtlich ab kommenden Montag, dem 16. November. Aber derzeit sind auch die Apotheker noch ziemlich ratlos, wann und in welcher Form das Serum ankommt.

FRAGE:  Sollte man sich impfen lassen?
Dr. Huber: Im Moment warten wir noch ab, da es noch keine oder kaum Erkenntnisse über Nebenwirkungen gibt. Die Entwicklungszeit war einfach zu kurz und bislang gibt es zu wenig Informationen über Allergien, Unverträglchkeit etc. Vor allen Dingen die in Hühnereiern gezüchteten Kulturen sehe ich im Moment kritisch, da sie eventuell – aber das ist meine persönliche Meinung – Reaktionen auslösen können, die noch nicht absehbar sind.

FRAGE:  Werden Sie in Ihrer Praxis oft nach der Schweinegrippe befragt?
Dr. Huber: Täglich im Dutzend kommen die Leute. Im Moment berate ich nur und sage den Patienten nichts anderes, als das, was hier in diesem Gespräch erscheint. 

FRAGE:  Welches Mittel – nachdem es ja angeblich zwei verschiedene gibt – wird in Katalonien verwendet?
Dr. Huber: Das ist kurios: auf meine Nachfrage in Apotheken, Gesundheitszentren und sogar in einer staatlichen Stelle in Girona konnte mir niemand sagen, welcher Wirkstoff definitiv ausgegeben wird.
FRAGE:  Welche Mittel gibt es denn nun?
Dr. Huber: Drei Impfstoffe gegen die Schweinegrippe gibt es. Größter Unterschied: Die Herstellung. "Celvapan" wird aus kompletten Virenhüllen produziert, "Focetria" und "Pandemrix" aus Bruchteilen. Das hat den Vorteil, dass weniger Virenmaterial gezüchtet werden muss, sich also mehr Impfstoff in kürzerer Zeit produzieren lässt. Allerdings: Damit der Impfstoff aus Bruchstücken genauso wirksam ist, muss er verstärkt werden - mit Zusatzstoffen, über deren Nebenwirkungen  gestritten wird. "Celvapan"  soll angeblich besser sein und weniger Nebenwirkungen aufzeigen, aber getestet wurde dieses Mittel nicht bei Schwangeren oder Kindern.
FRAGE:  Wie wirkt sich dieses Mittel auf den Organismus aus?
Dr. Huber: Wie schon oben erwähnt, gibt es wenige Erkenntnisse. Klar ist, dass die Impfstoffe der Infektion vorbeugen, aber Nebenwirkungen wie bereits ein Allergieschock könnten durchaus vorkommen.
FRAGE:  Wie sieht es denn mit der Angst der Menschen aus der Region aus?
Dr. Huber: Die Angst war vor fünf bis sechs Wochen wesentlich höher als jetzt. Es ist ruhiger geworden, aber mit jeder Schreckensmeldung kann die Furcht wieder nach oben kriechen. Hinzu kommt, dass die Menschen nun besser informiert sind und wesentlich relaxter reagieren. Aber die Impfbereitschaft wächst bei den Leuten hier.
FRAGE:  Wer sollte sich impfen lassen?
Dr. Huber: Vorläufig Menschen mit speziellen Vorerkrankungen, sowie Leute mit einem schlechten Immunsystem oder Diabetes. Allergiker oder Patienten mit Unverträglichkeiten sollten vorsichtig sein. Aber das soll der zuständige Arzt beurteilen. Ich rate jedem, sich vorher beim Hausarzt zu informieren bzw. untersuchen zu lassen.
FRAGE:  Was ist mit Tamiflu?
Dr. Huber: Dieses Mittel sollte erst nach einer Diagnose des Arztes – normalerweise ein Rachenabstrich – verwendet werden. Tamiflu hilt nur in den ersten Tagen der Ansteckung.
FRAGE:  Haben Sie in Ihrer Praxis schon mit der Krankheit zu tun gehabt?
Dr. Huber: Bislang habe ich nur beraten.
ARENA:  Haben Sie in Ihrer Praxis spezielle Vorkehrungen getroffen?
Dr. Huber: Hygiene wird bei uns sowieso groß geschrieben, von daher hat sich in meiner Praxis nichts geändert.
FRAGE:  Was raten Sie den Bürgern? Ruhig bleiben und nicht in Panik verfallen oder bestimmte Voraussetzungen erfüllen und wann ja, welche? Kann man noch beruhigt Großveranstaltungen wie Konzerte besuchen, wo Tausende von Menschen gedrängelt auf engstem Raum abrocken?
Dr. Huber: Wie ich schon eingangs sagte, sollte man solche Veranstaltungen meiden. Ansonsten empfehle ich Hygiene, Hygiene, Hygiene.
FRAGE:  Gibt es spezielle Ernährungstipps?
Dr. Huber: Nein. Ich empfehle aber immer, ausgewogen und vitaminreich zu essen und vor allen Dingen viel zu trinken.
FRAGE:  Und Vitamin C?
Dr. Huber: Vitamin C stimuliert das Immunsystem und ist selten falsch. Wer kein Obst oder Gemüse mag, kann beruhigt auf Brausetabletten zurückgreifen. Der Apotheker wird da helfend zur Seiste stehen. Nur Brausetabletten mit viel Zucker empfehle ich nicht.
FRAGE:  Bestimmte Personenkreise werden bevorzugt behandelt. Ist dies nach Ihrer Meinung richtig?
Dr. Huber: Definitiv nein! Wer ist denn wichtiger als der andere? Risikogruppen ja, Bevorzugungen nein.
FRAGE:  Wie ist Ihre persönliche Meinung zur Schweingrippe? Hype und Angstmacherei oder doch die „Geissel der Menschheit“ wie einst Aids oder das Ebola-Virus?
Dr. Huber: Die Schweinegrippe ist eine Sonderform einer weltweiten Infektion ähnlich der Grippe. Ob sie richtig gefährlich  wird, kann man jetzt noch nicht sagen. Aber ein Vergleich zu Ebola oder Aids ist doch recht weit hergeholt und hat nichts mit diesem Virus zu tun.
FRAGE:  Sind Sie selber schon geimpft?
Dr. Huber: Nein und ich warte auch noch ab. Die oben beschriebenen Punkte gelten auch für mich persönlich und ich warte die Entwicklung ab.
FRAGE:  Wie sieht es denn mit der normalen Grippeimpfung aus? Ist diese ratsam?
Dr. Huber: Für ältere Menschen und Leute mit Vorbelastungen unbedingt. Aber ich rate auch niemandem ab – das sollte jeder selbst entscheiden.
Herr Dr. Huber, vielen Dank für das informative und ausführliche Gespräch.
Zur Person:
Christian Huber ist Arzt für Allgemeinmedizin und betreibt seit knapp zehn Jahren eine eigene Praxis in Roses in der Strasse Arquitecte Gaudi, 22. Neben seiner normalen Tätigkeit bietet Dr. Huber Chirotherapie, Naturheilverfahren, Notfallmedizin und kleine Chirurgie an.
Mit freundlicher Genehmigung von www.arena-info.com – ARENA - Der deutschen Tageszeitung für das Alt Empordá



16.11.09 02:14

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